GNSS-MET | Robert Weber
Schnelle Bereitstellung des troposphärischen Feuchtgehalts auf Basis bodengestützter GNSS-Messdaten und dessen potentieller Beitrag für die Wettervorhersage.
Zusammenfassung:
Die Bedeutung hochauflösender meteorologischer
Analysen der Gebirgsatmosphäre hat in den letzten Jahren aufgrund lokaler und
regionaler extremer Niederschläge stark zugenommen. Eine detaillierte Analyse
des Feuchtefeldes ist dabei eine wichtige Voraussetzung für besseres Monitoring
und bessere regional differenzierte Vorhersagen derartiger Ereignisse. Die ZAMG
hat seit Beginn des Jahres 2005 das räumlich und zeitlich hochauflösende
INCA-System (INCA = Integrated Nowcasting through Comprehensive Analysis) im
operationellen Betrieb. Fehler in der Analyse treten vor allem in jenen alpinen
Gebieten auf, wo das Wettervorhersagemodell nur unzureichend die
Gebirgsatmosphäre wiedergibt, wie z.B. im Raum Kärnten.
Die Problematik bei der Bestimmung des
Feuchtefeldes ergibt sich aus den physikalischen Eigenschaften der Atmosphäre. Auf ihrem Weg durch
die Atmosphäre erfahren die Mikrowellen-Signale der GNSS Satelliten (GPS,
GLONASS und zukünftig auch GALILEO) eine Laufzeitänderung. Dabei wird zwischen
den beiden Einflüssen von Ionosphäre und neutraler Atmosphäre unterschieden.
Letzterer wird häufig auch als „troposphärische Laufzeitverzögerung“
bezeichnet.
Um die troposphärische Laufzeitverzögerung während der GNSS
Positionierung zu berücksichtigen, werden normalerweise globale “Delay-Modelle“
genutzt. Die Verzögerung des Signals wird in einem ersten Schritt für einen
symbolischen Satelliten gerechnet, der sich im Zenit über der
Beobachtungsstation befindet. Mit Hilfe von Mapping-Funktionen
(Projektionsfunktionen) werden danach die gesuchten Werte für die wahren
Elevationswinkel der beobachteten Satelliten ermittelt. Eingangsgrößen für die
oben genannten Modelle sind Druck, Temperatur und Feuchte. Diese werden mit
meteorologischen Sensoren direkt beim GNSS Empfänger gemessen oder bei bekannter
Stationshöhe aus einem Standardmodell extrapoliert. Seit kurzem sind auch
Methoden in Verwendung, die auf der numerischen Integration von Wettermodellen
entlang des Signalweges (Ray Tracing) beruhen (3-dimensionale Modelle,
bestehend aus der aktuellen oder prädizierten Verteilung von Druck, Temperatur
und Feuchte).
Die hydrostatische Laufzeitverzögerung in Zenitrichtung ist im
Normalfall genau berechenbar. Im Gegensatz dazu erweist sich die feuchte
Komponente, welche den sich schnell verändernden Wasserdampfgehalt der
Troposphäre beschreibt, als eine der limitierenden Fehlergrößen bei der
präzisen Punktbestimmung mit GNSS und muss möglichst genau im Auswertemodell
mitgeschätzt werden. Aufgrund des Interesses der Meteorologen an dieser
feuchten Komponente der Laufzeitverzögerung als neue Datenquelle für numerische
Wettervorhersagen wurde in mehreren internationalen Initiativen begonnen (z. B.
European COST Action 716), das Potential der Bestimmung des Wasserdampfgehalts
der Troposphäre aus GPS Beobachtungsdaten zu untersuchen.
Für den Fall, dass alle Fehlereinflüsse (z.B. Satellitenbahnfehler,
ionosphärische Laufzeitverzögerung oder Uhrenfehler) auf die Positionierung mit
GNSS mit ausreichender Genauigkeit modelliert bzw. zur Gänze eliminiert wurden,
ist es möglich, die sogenannten Mehrdeutigkeiten (Ambiguities) für alle
Basislinien innerhalb eines Beobachtungsnetzes (z.B. Referenzstationsnetz) zu
lösen. Mehrdeutigkeitslösung oder auch schon sehr lange Beobachtungszeiten
erlauben eine sehr genaue Berechnung der Stationskoordinaten, einschließlich
der Stationshöhe, und, von noch größerem Interesse für das hier vorliegende
Antragsschreiben, eine Bestimmung der totalen troposphärischen
Laufzeitverzögerung in Zenitrichtung (ZTD) im Genauigkeitsbereich von wenigen
Millimetern. Der ZTD ist der integrale Wert der totalen Refraktivität,
berechnet aus allen in einer vorgegebenen Zeitspanne zwischen einer
Referenzstation und den von ihr sichtbaren Satelliten gemessenen
Signalverzögerungen. Die Beobachtungen erfolgen in verschiedensten Elevationen
und werden in Zenitrichtung abgebildet. Um die Einflüsse der unterschiedlichen
Fehlerquellen zu reduzieren werden häufig Beobachtungsdifferenzen
(Basislinienbildung) an Stelle der direkt beobachteten Phasenmessungen verwendet.
Um den hydrostatischen Teil der Laufzeitverzögerung von der feuchten Komponente
zu trennen, muss der genaue Druckwert an der GNSS Beobachtungsstation bekannt
sein oder sehr sorgfältig aus den Daten sich in der Nähe befindlicher
meteorologischen Sensorstationen (in Österreich: TAWES Netzwerk) extrapoliert
werden. Der verbleibenden feuchte Teil der Laufzeitverzögerung (ZWD) kann in
den integrierten Wasserdampfgehalt (IWV) umgerechnet werden, wenn an der GNSS
Station zusätzlich auch die Temperatur bekannt ist. Zusammenfassend ist somit
auch der ZWD ein integraler Wert, verfügbar mit einer hohen zeitlichen
Auflösung und einer, abhängig von der mittleren Basislinienlänge im
Referenzstationsnetzwerk, guten horizontalen Auflösung.
Während die Genauigkeit der Bestimmung des Wasserdampfgehalts auf Basis
von Mikrowellenbeobachtungen von der Genauigkeit her vergleichbar mit jener von
Radiosonden und Radiometerdaten ist, lässt die Aktualität der Ergebnisse noch
zu wünschen übrig. Wenngleich ausgereifte Modelle zur Datenassimilation an
verschiedenen meteorologischen Instituten derzeit noch in Entwicklung sind, hat
die EU COST Action 716 bereits bewiesen, dass die Wasserdampfbestimmung aus GPS
Messungen bei sich schnell verändernden Wetterlagen extrem nützlich ist. Um zu
den operationellen numerischen Wettervorhersagemodellen beizutragen, muss der
Wasserdampfgehalt allerdings mit einer maximalen zeitlichen Verzögerung von
45-60 Minuten verfügbar sein. Diese Anforderung ist nicht einfach zu erfüllen,
da Verzögerungen in der Datenübertragung berücksichtigt werden müssen sowie
eine gewisse Rechenzeit aufgrund der großen Datenmengen. Zudem gibt es hohe
Anforderungen an die Genauigkeit der Satellitenbahnen, die notwendigerweise in
Echtzeit vorliegen müssen. Der gegenständliche Antrag zielt auf die Entwicklung
und den Einsatz effizienter Algorithmen und Abläufe in einem operationellen
Betrieb, der erlaubt das vorgegebene Zeitlimit zur Bestimmung des
Wasserdampfgehalts einzuhalten.
Zum ersten Mal sollen auch GLONASS Beobachtungsdaten in die Berechnungen
mit aufgenommen werden. Bis zum Beginn des Jahres 2005 standen keine GLONASS
Satellitenbahnen mit ausreichender Genauigkeit in quasi-Echtzeit zur Verfügung,
wodurch jede Verwendung von GLONASS Daten von vorneherein ausgeschlossen war.
Das Referenzstationsnetzwerk der KELAG stellt in diesem Zusammenhang durch
seine technische Ausstattung mit kombinierten GPS/GLONASS Satellitenempfängern
eine derzeit weltweit noch selten zu findende Datenbasis dar. Im Detail stehen
8 (+Station Kolm-Saigurn) kontinuierlich beobachtende GPS/GLONASS
Referenzstationen im Netzwerk „KELSAT“ in Kärnten (Österreich) zur Verfügung.
Erweiternd können benachbarte Stationen des IGS- und des EUREF Netzwerks in die
Berechnungen einbezogen werden. Der Stationsabstand liegt zwischen 50 und 80 km
mit Höhendifferenzen bis zu 2500 m. Einige der Referenzstationen sind mit
Drucksensoren ausgestatten, die andern befinden sich allesamt in der Nähe von
Stationen des Österreichischen meteorologischen Dienstes (ZAMG).
Ziel des Projektes ist ein schneller Datentransfer der Beobachtungsdaten
des Kärntner Netzwerkes und effiziente Berechnungsalgorithmen auf Basis von
Normalgleichungsaddition (‚stacking’) in weniger als 60 Minuten. Gleichzeitig
müssen permanent die Satellitenbahnen aktualisiert und geprüft werden. Die
berechneten Wasserdampfparameter werden direkt an die ZAMG weitergeleitet, wo
sie auf ihr Potential und ihre Brauchbarkeit für die Verwendung bei der
operationalen Wettervorhersage untersucht und geprüft werden. Weitere Ziele
sind die Beobachtung von schnellen Änderungen des Wasserdampfgehalts mit sehr
hoher zeitlicher Auflösung in der Umgebung der Station Sonnblick und die
Installation eines GALILEO-IOV (In Orbit Validation) Empfängers zur
Untersuchung des Potentials des SIS (Aufbau eines parallelen GPS/GALILEO Data
Processing) des neuen Europäischen Satellitennavigationssystems auf die
Genauigkeit der Bestimmung des Wasserdampfgehalts.
Projektpartners:
R. Weber, A. Karabatic, TU-Wien, Inst. f. Geodäsie und Geophysik
T. Heiden, S. Leroch, ZAMG
H. Felsberger, J. Frank, KELAG

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